Denn es braucht weder Aliens, Chronologiekritiker noch Verschwörungstheorien. Themen wie Basken, Seevölker, Dorische Wanderung, Atlantis oder indogermanische Invasionen sind längst zu deuten. Man muss nur die neuesten Veröffentlichungen von Archäologen, Genetikern, Geologen, Linguisten und Geografen zusammenbringen. Und die lassen sich durch die sog. Katastrophentheorie zusammenfassen, welche Auf- und Untergang aller urzeitlichen Kulturen nach den immer gleichen Abläufen erklärt: tektonische Verwerfungen (auch wegen kosmischer Impacte), Tsunamis und kurzfristige Besiedlung der Höhen, atmosphärische Winter und langfristige Agrar- und Subsistenzkrisen, kriegerische Völkerwanderungen und letztlich technologischer Fortschritt. Dazu stelle ich im Einstieg "Worum es hier geht“ 7 Hypothesen auf, die gerne diskutiert werden können. Die daraus resultierende Chronologie finden Sie in den Artikeln von 1. bis 7. durchnummeriert. Eine Übersicht der damaligen Kulturen ganz unten rechts…

Mittwoch, 8. Juli 2020

Historische Stierkämpfe und moderner Tierschutz

Niemals würde ich aus Gründen des Tierschutzes Stierkämpfe gutheißen. Da verlör ich doch mindestens 90 Prozent meiner Zuschauer. Mein Problem nur: ich stehe auf Traditionen, versuche deren historische Wurzeln zu ergründen und da gehören Blut und Quälerei einfach dazu. Leider nicht nur für Tiere...
In über 60 südfranzösischen Städten werden heute noch Spektakel angeboten, bei denen Stiere getötet werden. Das hiesige Tierschutzgesetz verbietet zwar Tierquälerei, lässt aber Ausnahmen zu. Eine Hochburg solcher Kämpfe ist Nimes, wo ein- bis zweimal im Jahr eine Woche lang Stierfeste in der alten römischen Arena stattfinden, zum Beispiel zur Weinlese. Viele Gegner wundern sich über die Massenbegeisterung für diese tiefverwurzelten Traditionen um Tiere, Kämpfer und Arenen.
Stierkämpfe werden dabei nicht als sinnloses Abschlachten unschuldiger Tiere angesehen, sondern als rituelle Tötung eines speziell gezüchteten Tieres nach strengen Regeln. So etwas gibt es heute noch in Spanien, Portugal, Südfrankreich sowie in Lateinamerika. Je nach Region gelten unterschiedliche Bräuche. Die Nicht-tödlichen Versionen dominieren inzwischen.
Ursprünglich treten in der Hardcore-Variante drei Matadore und sechs Stiere gegeneinander an. Ein Kampf dauert etwa 20 Minuten. Bei rund 1700 Veranstaltungen im Jahr und in der Regel 6 getöteten Tieren wird deren Gesamtzahl auf etwa 10.000 geschätzt. Über die Herkunft solcher Traditionen wird viel gerätselt. Fakt ist, dass der Stier in der Mythologie der Völker seit der Jungsteinzeit eine wichtige Rolle spielt. Die Tierhetzen der römischen Antike könnten ähnlich den Gladiatorenkämpfen heutigen Stierkämpfen als Vorbild gedient haben.
Diese Entwicklung kann in Arles gut beobachtet werden, ein weiteres Stierkampfzentrum an der Rhone, 24 km vom Mittelmeer entfernt. Die Stadt hieß im Altertum Arelas, keltisch der „sumpfige Ort“. Er soll von alteuropäischen Ligurier gegründet und von indogermanischen Galliern ausgebaut worden sein. Gaius Julius Caesar gliederte die Siedlung 46. v. Chr. in die römischen Kolonien ein. 1000 Jahre wetteiferte Arles mit Marseille um Einfluss und Bedeutung. 395 wurde es die Hauptstadt aller gallorömischen Provinzen.
Arles
Die damalige Vergnügungssucht ist hier in Stein erhalten geblieben. Der 15 m hohe Granit-Obelisk im Zentrum zierte einstmals die Pferderennbahn vor der Stadt. Überall sind Reste einstiger Lebensart zu sehen. Sogar Teile eines antiken Theaters für 12.000 Menschen blieben erhalten. Scheinbar unberührt bis jetzt präsentiert sich die Amphiarena für sogar 25.000 Zuschauer, vor deren Augen Gladiatoren und Tiere zu Tode gehetzt wurden. Hier finden heute die Stierkämpfe statt. Doch eine durchgehende Entwicklung war das nicht. Bekannt ist immerhin, dass im Frühmittelalter zahlreiche Gepflogenheiten des untergegangenen römischen Reiches übernommen wurden, wie Glaube, Schrift und Verwaltung.
Mythologie: Europa auf dem Stier
seit 800 v. Chr.
Der älteste Beleg über Stierkämpfen stammt aus dem Jahr 1215, als eine Bischofssynode schon damals die Teilnahme an derartigen Veranstaltungen untersagte. Zu jener Zeit beschrieb man ein Ritterspiel, bei dem ein Kämpfer zu Pferd gegen einen Stier antrat. Das aber konnte damals noch nicht auf Arles zutreffen, weil damals die Arena als Festung ausgebaut war, in der die ganze Stadt lebte. Denn nach der Niederlage der Römer wurde Arles von allen berannt, die damals Rang und Namen hatten. Westgoten, Araber, Franken, Burgunder und Deutsche versuchten ihr Mütchen an Arles zu kühlen. Die unruhigen Zeiten veranlassten die schon dezimierten Einwohner, sich in der Arena zu verbarrikadierten. Erst nach und nach wurde die Kommune wieder erweitert. Die alten römischen Prachtbauten dienten dabei als Steinbrüche. So entstand auch die Kathedrale Saint-Trophime, mit ihrem architektonisch weithin berühmten Portal. 879 machte man Arles zur Hauptstadt des Königreichs Burgund. 1178 wurde Friedrich Barbarossa hier zum König von Burgund gekrönt.
Verehrt schon bei den ollen Ägyptern
Einiges spricht dafür, dass Stierkämpfe während des gesamten Mittelalters durchgeführt wurden. Ihre Hoch-Zeit entwickelte sich aber erst ab dem 18. Jahrhundert, als überall in Europa die antiken Traditionen wieder belebt wurden. 1796 schrieb man erstmals die rituellen Regeln für die Tötung der Kampftiere auf. Die erste Stierkampfschule wurde 1830 gründet. Damals begann man auch, das noch vollständig mit Häusern überbaute Amphitheater zu entkernen und zu restaurieren. Nicht viel später zogen die Matadore hier ein. Heute werden hier vorrangig Schauwettkämpfe durchgeführt, die nichts mit den alten Riten zu tun haben. Es geht mehr um eine Art Kräftemessen mit dem Stier. Neben allerlei Klamauk muss der Torero - ebenfalls nach Regeln - so viel als möglich Bänder und Quasten von den Hörnern seines Widerparts einheimsen. Selten, dass Tier und Mensch dabei zu Schaden kommen.
Alte Tiere haben sogar die Chance, ihr Gnadenbrot unter Artgenossen zu bekommen. Die Kampfrinder werden nämlich in den Sumpfgebieten der Camargue südlich von Arles gezüchtet. Dabei leben sie in wilden Herden das ganze Jahr über in freier Natur. Typisch sind ihr schwarzes Fell und die in Form einer Lyra gebogen Hörner. Der Kampf ist ihr Naturell. Die alte Rasse konnte nie als Hoftier gezähmt werden. Ihr Überleben verdankt sie ausschließlich dem Einsatz während der Stierkämpfe und Feste. 15.000 solcher Rinder soll es hier noch geben, aufwendig von vielleicht 120 Stier- und Pferdehirten betreut. Auch die Stiere, die in der Arena getötet werden, gehören wenigstens bis zu ihrem Auftritt zu den viel beschworenen „glücklichen Tieren“. Die dominierende Spezies gewährt ihnen damit Rechte, die sie sich selbst vielmals versagt!

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